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Die Durchschnittsfalle

von

Markus Hengstschläger

 

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Allerliebste Schwester
Allerliebste Schwester
Roman

von Wiebke Lorenz
237 Seiten; 200 mm x 125 mm
2010 Blessing
ISBN 978-3-89667-410-4

17.50 EUR (inkl. USt.) 
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Langtext
Ein atmosphärisch dichter Roman über die Rivalität zweier Schwestern und den Kampf einer Frau um die eigene Identität
Drei Jahre ist es her, dass Eva ihre Zwillingsschwester verlor, unter Umständen, die nie ganz aufgeklärt worden sind. Danach nahm Evas Leben eine von vielen als ungeheuerlich empfundene Wendung: Sie heiratete den Witwer, den Ehemann der verstorbenen Marlene. Allmählich haben sich die Menschen in ihrer Umgebung an dieses Arrangement gewöhnt. Doch ihr selbst kommt es wie ein Frevel vor, und als sie eine Totgeburt erleidet, empfindet sie diese als Strafe dafür.
Während ihr Mann diese Tragödie als bloßes Malheur behandelt, wird Eva davon aus der Bahn geworfen. Sie flüchtet sich in Erinnerungen an die vermeintlich glückliche Kindheit mit ihrer Zwillingsschwester. Immer öfter erscheint ihr Marlene in verstörend realen Tagträumen und sagt ihr, was sie zu tun oder zu lassen habe. Eva droht allen Halt zu verlieren, bis eines Tages in der Buchhandlung, wo sie als Aushilfe arbeitet, ein Mann auftaucht, der ihre Schwester gekannt hat. Auf sonderbare Weise fühlt sie sich zu diesem Unbekannten hingezogen und glaubt, dass er ihr helfen kann, das Rätsel um Marlenes Tod zu lösen.
In einem eindringlichen und suggestiven Tonfall und mit unwiderstehlicher Spannung zieht Wiebke Lorenz den Leser in den Strudel einer Familiengeschichte voller Obsessionen und Geheimnisse.
Pyschodrama auf hohem Niveau fesselnd bis zur letzten Seite.


Biografische Anmerkung zu den Verfassern
Wiebke Lorenz, geboren 1972 in Düsseldorf, studierte in Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaft und lebt heute in Hamburg. Sie arbeitet journalistisch für Zeitschriften wie „Cosmopolitan“, schreibt Drehbücher für TV-Filme. Ihre Romane „Liebe, Lügen, Leitartikel“ (2000) und „Was? Wäre? Wenn?“ (2003) waren bei Kritik und Publikum höchst erfolgreich.

Zitat aus einer Besprechung
"Lorenz hat sich für eine unaufgeregte Erzählweise entschieden, eine reduzierte Sprache, die eher Distanz als Nähe schafft, und dadurch entwickelt sich das Drama, das kammerspielartig daherkommt und nicht viele Figuren braucht, mit schleichendem Grauen, das noch lange nachhallt. ... eine uneingeschränkte Leseempfehlung für die kalten, dunklen Winternächte."

Textauszug
So wird ihr Leben nun also sein. Jeden Tag. Bis ans Ende. Sie steht am Schlafzimmerfenster und sieht, wie Tobias den silbernen BMW-Geländewagen unten in der Auffahrt direkt hinter ihrem schwarzen Mini parkt. Den X5 hatten sie im Frühjahr gekauft und seinen Porsche dafür in Zahlung gegeben. An einem der ersten warmen Tage Anfang März, als sie bereits im vierten Monat schwanger war.
Jetzt schimmert die Metallic-Lackierung des Autos im matten Licht der Oktobersonne, reflektiert ein paar Strahlen und blendet sie, einen kurzen Moment ist sie wie blind. Tobias steigt aus, geht um den Wagen herum zur hinteren Tür auf der Beifahrerseite. Gedankenverloren streicht sie über ihren flachen Bauch, reibt ihn stärker, so lange, bis sich die Haut unter ihrem T-Shirt erwärmt.
Tobias öffnet die Tür, beugt sich ins Auto und löst den Gurt vom Maxi Cosi, in dem der kleine Lukas schläft. Selbst vom Fenster aus kann sie sehen, wie ihr knapp zwei Monate alter Sohn zuckt und hektisch an seinem Schnuller nuckelt, als würde er träumen. Jetzt ist ihre Haut ganz heiß, sie pulsiert, ihr Körper kribbelt, als wäre sie aus einer Wanne mit eiskaltem Wasser aufgetaucht. Seltsam leicht fühlt sie sich, schwerelos, als würde sie jeden Moment forttreiben.
Sie umklammert den Fenstergriff und schließt für einen Moment die Augen, wartet, bis sie wieder festen Boden unter ihren Füßen spürt. Dann blickt sie erneut hinunter auf die Straße. Tobias hebt gerade den schweren Karton mit Wochenendeinkäufen von der Rückbank des Autos. Da, wo eigentlich die Babyschale hätte sein sollen. Hätte sein müssen.


Lukas kam in der siebenundzwanzigsten Woche zur Welt. Ende Mai hatten die Wehen eingesetzt, viel zu früh, aber auf dem Weg ins Krankenhaus war sie noch sicher gewesen, dass ihr Kind gesund sei. »So was kommt vor«, hatte auch Tobias gemeint, »wahrscheinlich geben sie dir einen Wehenhemmer oder so, bestimmt musst du nicht mal über Nacht bleiben. Mach dir keine Sorgen, es wird schon alles gut.« Aber es wurde nicht gut.
Nicht mal tausend Gramm wog ihr Sohn, ein kleines Kerlchen mit winzigen Händen und Füßen. Die Schwester legte ihn ihr auf die Brust; sein Körper, weich und vom Mutterleib noch warm, duftete nach Zuhause und Glück, nach Sommertagen am Meer, nach Vanille und süßen Äpfeln. Ganz friedlich sah er aus, als würde er sich nur von den Strapazen der Geburt erholen und bloß ein wenig schlafen. Dabei war er vermutlich bereits eine Woche zuvor gestorben. Das hatten die Ärzte ihr gesagt. Lukas' Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen und sein Leben beendet, bevor es hatte beginnen können. Und sie hatte es nicht einmal bemerkt.
Tobias saß neben ihr am Bett, sprachlos, und streichelte immer wieder über Lukas' Köpfchen, das schon mit dem ersten dunklen Flaum überzogen war. Wie sein Vater hätte er später ausgesehen, die gleichen schwarzen Locken, die morgens in alle Himmelsrichtungen abstehen und die nur durch konsequentes Kurzschneiden zu bändigen sind. Sie hätten im Park miteinander Fußball gespielt oder wären zum Eishockey gegangen. Vielleicht hätte Lukas auch das musikalische Talent seiner Mutter geerbt. Oder er hätte sich für Filme interessiert, die Wände seines Zimmers über und über mit Kinoplakaten zugeklebt. Ein ungelebtes Leben, von dem niemand wissen kann, wie es verlaufen wäre.
Nach der Beerdigung und der kleinen Trauerfeier hatte der Pastor sie beiseite genommen, ihr gesagt, dass er mit ihr fühle in ihrem tiefen Schmerz und dass das Leben aber weitergehen müsse. Sie hatte es nicht verstanden. Warum musste das Leben weitergehen? Wer wollte bestimmen, dass es weitergehen musste, wo es doch für Lukas auch nicht weitergegangen war, ja, nicht einmal angefangen hatte? Und für Marlene? Ach, Marlene.
Was hieß müssen? Müssen, müssen, müssen. Schule, Studium oder Lehre, Beruf, heiraten zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig, das erste Kind, eigenes Haus, ein Kräuterbeet im Garten, Kochabende mit
Freunden, zweites Kind, irgendwann Schulsorgen, Sommerferien in Südspanien, Italien oder auch mal Dänemark, Auszug der Kinder, Besuche am Wochenende, erst oft, dann immer seltener, Silberhochzeit, die ersten Enkel, Goldhochzeit, Altenheim. Grabstein. Und wozu? Weil das Leben weitergehen muss? Wohin? Wohin soll es gehen, wenn nicht auf direktem Wege auf das Ende zu? Warum ein Dasein erschaffen, das doch endlich ist? Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Die Götter hatten ihr Baby geliebt. Sie wünschte nur, die Götter würden sie ebenso sehr lieben.


Sie geht hinüber ins Kinderzimmer, das nun wieder wie vor ihrer Schwangerschaft ein Gästezimmer ist. Erst vor ein paar Monaten hat Tobias voller Vorfreude eine Tapetenborte mit hellblauen Bärchen angebracht, bunte Kindergardinen aufgehängt, ein Babybett und eine Kommode mit Wickeltischaufsatz besorgt, darüber eine Wärmelampe montiert und ein Regal, auf dem Windeln, Feuchttücher und Wundcremes ihren Platz gefunden hätten. An alles dachte er, sogar einen speziellen Windeleimer brachte er mit, der laut Hersteller jegliche Geruchsbildung verhindern soll. Und sie, sie ließ sich anstecken von seiner Euphorie, kaufte Strampler, Bodys und Ringelsöckchen in Unmengen, alles mehrfach durchgewaschen und griffbereit in die Kommode einsortiert. Sie waren bereit für Lukas, für ihr erstes gemeinsames Kind.
Nun stehen in dem Zimmer wieder ein Schlafsofa, Schrank, Tisch, Stuhl und Fernseher. Die Bärchen hat
Tobias mit einem Paisleymuster überklebt, anstelle der bunten Vorhänge flattern wollweiße Gardinenschals sachte vor dem gekippten Fenster. Ein gemütliches Gästezimmer, von dessen hinterem Teil ein eigenes Bad abgeht.
Nur haben sie so gut wie keinen Besuch mehr. Sie kann es nicht ertragen. Diese Blicke, dieses Berühren ihrer Schultern und Hände, diese Versuche, sich irgendwie hilfreich zu zeigen. In den ersten zwei Monaten nach Lukas stiller Geburt kamen noch häufiger Freunde und Bekannte vorbei. Aber irgendwann waren sie es leid, hilflos dazusitzen, und meldeten sich nicht mehr. Sie ist darüber nicht traurig. Es ist ihr recht, dass alle gegangen sind.
»Eva?« Tobias ist geblieben. »Eva, wo steckst du denn?«
»Nicht mehr da«, möchte sie antworten. Aber sie schweigt, bringt kein Wort heraus. Stattdessen lässt sie ihren eigenen Namen im Kopf widerhallen. Eva. Ausgerechnet Eva. Stammmutter der Menschheit. Jetzt gibt sie doch einen Laut von sich. Ein Lachen. Sie setzt sich aufs Sofa. Dorthin, wo noch vor Wochen Lukas' Bettchen stand. Und lacht.


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Fachbuch




















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