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Rasmussens letzte Reise
 | Rasmussens letzte Reise Roman
von Carsten Jensen Übersetzt von Ulrich Sonnenberg 346 Seiten; 215 mm x 135 mm 2010 Knaus ISBN 978-3-8135-0331-9
| 20.60 EUR (inkl. USt.) | | | Versand- oder abholbereit innerhalb 48 Stunden |
|  | Hauptbeschreibung Spannende Weitererzählung einzelner Schicksale aus »Wir Ertrunkenen«
Der geachtete Marinemaler Carl Rasmussen aus Marstal bricht 1893 nach Grönland auf. Er will noch einmal die Kraft spüren, die ihn vor vielen Jahren in der Eiswüste durchströmte und ihn die Seele seiner Malerei erkennen ließ. Doch im Licht des Nordens begreift er, dass er seine Unschuld längst verloren und seinen Erfolg auf Lebenslügen gebaut hat. Mitte des 19. Jahrhunderts bricht der junge Carl Rasmussen zu einer Studienreise nach Grönland auf. Er ist der erste dänische Maler, der sich in die Eiswüste wagt und das Leben der Eskimos in seinen Bildern festhält. Hoch oben im Norden fasst er den Entschluss, gegen alle Hässlichkeit fortan nur noch »Schönes« zu malen, denn mit seinen Bildern will er Menschen zusammenführen. Nach seiner Rückkehr lässt er sich auf der Insel Æro nieder und heiratet. Nur – glücklich wird er nicht. Je mehr Freunde seine Malerei findet, desto größer werden seine Selbstzweifel. Hat er sich ans Idyllische verkauft? Ist er ein harmloser Freilichtmaler geworden? Als alternder Mann reist Carl Rasmussen noch einmal nach Grönland, auf der Suche nach dem verlorenen Leben.
Langtext Der geachtete Marinemaler Carl Rasmussen aus Marstal bricht 1893 nach Grönland auf. Er will noch einmal die Kraft spüren, die ihn vor vielen Jahren in der Eiswüste durchströmte und ihn die Seele seiner Malerei erkennen ließ. Doch im Licht des Nordens begreift er, dass er seine Unschuld längst verloren und seinen Erfolg auf Lebenslügen gebaut hat. Mitte des 19. Jahrhunderts bricht der junge Carl Rasmussen zu einer Studienreise nach Grönland auf. Er ist der erste dänische Maler, der sich in die Eiswüste wagt und das Leben der Eskimos in seinen Bildern festhält. Hoch oben im Norden fasst er den Entschluss, gegen alle Hässlichkeit fortan nur noch "Schönes" zu malen, denn mit seinen Bildern will er Menschen zusammenführen. Nach seiner Rückkehr lässt er sich auf der Insel Æro nieder und heiratet. Nur glücklich wird er nicht. Je mehr Freunde seine Malerei findet, desto größer werden seine Selbstzweifel. Hat er sich ans Idyllische verkauft? Ist er ein harmloser Freilichtmaler geworden? Als alternder Mann reist Carl Rasmussen noch einmal nach Grönland, auf der Suche nach dem verlorenen Leben.
Biografische Anmerkung zu den Verfassern Carsten Jensen, geboren 1952, wuchs in Marstal auf der dänischen Insel Æro auf. Er studierte in Kopenhagen Literaturwissenschaft und arbeitet seither als Journalist und Kritiker. Er gilt als einer der profiliertesten Essayisten Dänemarks. Sein literarisches Schaffen begann er Mitte der neunziger Jahre. Mit "Wir Ertrunkenen", seinem dritten Roman, gelang ihm ein internationaler Bestseller.
Carsten Jensen wurde 2009 mit dem Olof Palme Preis ausgezeichnet.
Zitat aus einer Besprechung »Carsten Jensen ist für mich ein wirklich einzigartiger Geschichtenerzähler.«
Textauszug Das große, kräftige Pferd, das hoch über der geöffneten Luke von einer Seite zur anderen pendelte, trat ins Leere. Die Flanken des Schimmels zuckten wie nach einem ermüdenden Lauf. Als er in die Lukenöffnung blickte, um den sicheren Boden wiederzufinden, zeichneten sich dicke Adern ab, die an der schweißglänzenden Haut des Halses pochten. Vor dem entblößten Gebiss stand Schaum. Die schweren Hufe stampften in Panik durch die Luft. Dann verdrehte das Tier die Augen, bis das Weiß sichtbar wurde, und ein Schwall von flüssigem Kot entlud sich, während sich aus dem gewaltigen, herunterhängenden Glied Urin ergoss.
Der Lademeister, der von Deck aus das Dampfspill dirigierte, brach in lautes Fluchen aus und befahl, den Ladebaum über die Reling zu ziehen, damit das zu Tode erschrockene Tier sich in das trübe Hafenwasser entleeren konnte.
Das Pferd wieherte nicht, als es das Wasser unter sich sah. Der Laut, der aus dem zitternden Maul kam, klang wie von einem Menschen, der aus tiefster Verzweiflung aufschreit.
Der Schrei rollte durch den Hafen, bevor er von den Speicherhäusern am Asiatisk Plads zurückgeworfen wurde. Ein Schwarm Spatzen, die sich in der Havnegade um einen Kuhfladen versammelt hatten, flog erschrocken auf.
Carl Rasmussen wandte das Gesicht ab.
Abschied
Die Besatzung der Peru kam am frühen Morgen mit rotgesprenkelten Gesichtern an Bord. Bei einem großen, gebückt gehenden Mann, der einen tief in die Stirn gedrückten Bowlerhut trug, sammelte sich Schweiß in den schweren Augenbrauen, von dort aus lief er weiter über die Wangen, bis er sich schließlich in den einen Tag alten Bartstoppeln verfing. Die Seeleute trugen Seesäcke über den Schultern; sie gingen in die Knie und schwankten, als einer nach dem anderen an Deck sprang. Als müssten sie sich an ein unruhig schaukelndes Schiff erst gewöhnen. Doch die Peru lag noch immer vertäut am Kai. Es würden einige Stunden vergehen, bevor der Bugsierdampfer auftauchte und sie auf Reede schleppte. Es war die nächtliche Sauftour, die den Männern in den Knochen steckte.
Von Nyhavn aus hatte man sie auf die gegenüberliegende Seite der Hafeneinfahrt übergesetzt, und bei dem einen oder anderen lugte noch der Hals einer Bierflasche aus den tiefen Taschen der Moleskinhosen. Ihre Seetauglichkeit hatten sie sich beim Arzt bereits bescheinigen lassen. Auf der Reede erwartete sie ein weiterer Arztbesuch, bevor die Peru Kurs nach Norden nahm. Der Arzt sollte die Besatzung nun auf ansteckende Krankheiten untersuchen, die sie möglicherweise auf die Reise mitnahmen.
Wenn die Männer das nächste Mal ihre Füße an Land setzten, würde dieses mit Eis bedeckt sein und hoch über ihnen würde eine gnadenlose Sonne hängen, die ihnen weder bei Tag noch in der Nacht Ruhe gönnte - als wäre sie an der Himmelswölbung festgenagelt. Sie hatten lange und ausdauernd von der Dunkelheit getrunken, bevor sie das Deck der Peru betraten.
Der Steuermann war ein kleiner drahtiger Mann, der, mit in den Nacken geschobener Mütze, an der Achterluke stand. Jedes Mal, wenn er eine Flasche erspähte, sprang er mit einem Wutanfall auf den Neuankömmling zu.
»Du verfluchter Trunkenbold, glaubst du etwa, du hättest in einem Wirtshaus angeheuert?«, brüllte er mit einer Stimme, die aus einem Paar riesiger Lungen zu kommen schien, die nicht recht zur Größe seines Brustkastens passen wollten.
Sein Gesicht, über dessen Wangen und die vorspringende Nase sich kreuz und quer Narben spannten, verzog sich zu unerwarteten Mustern.
»Wenn du das nächste Mal auch nur daran denkst, an einer Bierfasche zu nuckeln, setz ich dich auf dem nächsten Eisberg ab.«
Er riss die Flasche aus der Tasche des Sünders, der den Kopf einzog, als erwartete er einen Schlag, und schleuderte sie mit einer geübten Handbewegung über die Reling. Mit einem Plumps landete die Flasche im dreckigen Hafenwasser, wo sie einen Augenblick vor sich hin dümpelte und dann Kurs auf die Mitte der Hafeneinfahrt nahm.
An der Landetreppe hakte der Zahlmeister mit lauter Stimme den Proviant ab, der an Bord gebracht wurde. Geräuchertes, gesalzenes und gekochtes Fleisch, Butter, Stockfisch, Grieß, Schiffszwieback und Dosenbrot, Roggen- und Weizenmehl. Als der Kaffee kam, rief er zwei Sorten aus, brasilianischen und javanischen. Mit einer Spur Bosheit in der Stimme fügte er hinzu, der zweite wäre der Kajütenkaffee, was den Eingeweihten signalisierte, dass der javanische den Offizieren und Passagieren vorbehalten blieb. Dann setzte er seine Aufzählung fort: Tee, Dörrpflaumen, Rosinen und Weinessig, rohe und getrocknete Kartoffeln, Suppenkräuter und Zwiebeln, Weißkohl in rohem und gekochtem Zustand, getrocknete Erbsen und Bohnen, Salz, Reisgrütze, Sago, Melis und Puderzucker.
Der Zahlmeister machte eine Pause, als beabsichtigte er, sich erneut zu einer Unannehmlichkeit zu äußern. Doch diesmal war es der Steuermann, den er herauszufordern gedachte, ja, vielleicht versuchte er geradezu, dessen Autorität zu untergraben. Mit lauter Stimme verkündete der Zahlmeister, dass sich unter dem an Bord gebrachten Proviant auch einhundertzwanzig Liter Branntwein und zehn Tonnen Schiffsbier befänden. Die Männer richteten sich auf, als hätten man ihnen Satisfaktion erteilt.
»Ihr glaubt doch wohl nicht«, schrie der Steuermann, als er den Blick der Mannschaft bemerkte, »dass dieser Branntwein für euch ist, ihr Hunde!«
Er riss sich die Mütze vom Kopf und warf sie vor sich auf die Luke, dann begann er, darauf herumzutrampeln, als wäre das in diesem Moment ein Ersatz für eine Schlägerei mit der gesamten Besatzung.
Am Bug des Schiffes stand eine einsame Gestalt mit dem Rücken zu dem Tumult. Carl Rasmussen war nicht viel größer als der Steuermann, aber er schien schwerer zu sein, was möglicherweise an den vielen Schichten von Kleidung lag, die er übereinander trug - als wollte er sich bereits jetzt gegen die arktische Kälte schützen. Auch er reagierte auf die Aufzählung des Zahlmeisters, aber auf eine andere Weise als der Steuermann und die Mannschaft. Er fasste sich an den Bauch, als verursachte ihm die bloße Erwähnung der Speisenfolge, auf die er von nun an viele Monate angewiesen sein würde, bereits Magendrücken.
Die Sonne stand tief. Das Rigg des Schiffs und die Lagerhäuser am Kai warfen lange Schatten in die Hafeneinfahrt. An den Liegeplätzen entlang der Havnegade wurden zwei englische Dampfer mit Butterfässern und Speckseiten beladen. Ein Vieh- hirte trieb eine Herde Kühe vorbei, die beim Anblick der hohen Bordwände in den Morgenhimmel muhte. Auf der anderen Seite des Kongens Nytorv erkannte Rasmussen undeutlich das Hauptkontor der Großen Nordischen Telegrafen-Gesellschaft, deren Gebäude nur noch eine Etage bis zur Fertigstellung fehlte. Die Bäume rund um das Reiterstandbild waren noch nicht ausgeschlagen, aber er wusste, dass den Waldboden im Dyrehave schon lange ein blühender Teppich aus Anemonen bedeckte, und in einigen Tagen würden auch die Buchen ergrünen. Er würde es nicht erleben. Obwohl die Peru noch ein paar Stunden am Kai vertäut liegen bleiben sollte, spürte er, dass er Dänemark bereits verlassen hatte und sich in einer fremden Welt befand.
Er blieb der einzige Passagier an Bord des Schiffs der Königlich Grönländischen Handelsgesellschaft, der Brigg Peru. Er hatte Bauchschmerzen, und es tröstete ihn nicht, dass es sich auf der Peru um ein den Passagieren und Offizieren vorbehaltenes Privileg handelte, Javakaffee trinken zu dürfen. Carl Rasmussen trank keinen Kaffee.
Gegen acht tauchte der Bugsierdampfer auf. Die Taue wurden losgeworfen und die Peru mitten in die viel befahrene Hafeneinfahrt geschleppt, wo sich Schlepper, Schuten, Prahme und Fährboote aus Nyhavn gegenseitig behinderten. Warnrufe waren zu hören, und kräftige Schiffsschrauben peitschten das dreckige Hafenwasser zu schlammigen Schaumkuchen auf. Überall erhoben sich große Speichergebäude, hinter denen die Kirchtürme der Stadt beinahe verschwanden. Weiter südlich hatte die Knippelsbro ihre eisernen Klappen geöffnet. Zu beiden Seiten der Brücke bildeten sich lange Schlangen von Pferdewagen und Fußgängern. Ein Dampfer steckte in der engen Öffnung fest. Er stieß ein Warnsignal aus, und Rauch quoll stoßweise aus dem hohen schlanken Schornstein, als wollte das Schiff mit Maschinenkraft allein versuchen, sich aus dem Griff des Mauerwerks zu befreien. Metall, das sich auf diese ungleiche Kraftprobe eingelassen hatte, scheuerte und kreischte.
Ein Baggerschiff arbeitete an der Vertiefung der Hafeneinfahrt. Das große Holzrad wälzte Schlamm und Schlick vom Meeresboden in einen verrotteten Prahm, der aussah, als könnte er jeden Moment unter dem Gewicht des stinkenden Morasts sinken. Dahinter reckte ein Kohlenkran seine schwarze Eisenkonstruktion in die Luft. Ein verbeultes Eisenfass, das gut und gern einen Mann aufnehmen konnte, wurde in die offene Luke einer vertäuten Schute gefiert. Eine Staubwolke stieg aus dem Laderaum auf, als die Kohlentrimmer zu schaufeln begannen. Vom Kai aus liefen schwarzgesichtige Männer mit vollen Schubkarren über schmale, schaukelnde Bretter, die als Gangway dienten. Erst hin, dann zurück, der gleiche Arbeitsablauf, den ganzen Tag lang.
»Schauen Sie nur, wie sie laufen. Verfluchtes Ameisenleben.«
Kapitän Thomsen hatte sich neben den einzigen Passagier des Schiffs an die Reling gestellt. Er zog die Tonpfeife aus dem Mund und spuckte ins Wasser. Die Regelmäßigkeit seines runden Kopfs wurde von einem grau melierten Backenbart unterstrichen, der exakt der Linie seines Kiefers folgte, den größten Teil der Wangen und der Mundpartie aber freiließ. Seine kleinen Augen saßen in eingesunkenen Augenhöhlen; ihr prüfender Blick erschien bisweilen stechend.
»Ich lag mal zum Laden auf dem Jangtse«, ergänzte Thom- sen. »In China kannten sie noch keine Schubkarre. Sie trugen ein Joch mit zwei Körben über den Schultern. Aber abgesehen davon ist es das Gleiche.«
Nachdenklich blickte er auf den Stadtteil Christiansholm.
»In China laufen sie auch. Die Last ist unmenschlich. Aber sie schleppen sich nicht dahin. Sie setzen nicht vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Sie rennen. Genau wie diese Halunken dort drüben. Ich hab mal versucht, mir so einen Sack auf den Nacken zu legen. Es ging um eine Wette mit einem Hafenarbeiter.
Ich konnte nicht mal die Füße bewegen. Hundertfünfzig Kilo! Dann zeigte er mir die Technik.>Laufen Sie, Kapitän! Er lachte vor sich hin.
»Die Frage ist natürlich, wie lange man laufen muss. Es gibt ja für alles eine Grenze.«
Der Kapitän drehte sich um und brüllte ein Kommando. Dann zog er seinen Passagier auf die Steuerbordseite. Die Kvssthusbro glitt achteraus. Eine lange Reihe von Pferdewagen mit fast eingenickten Kutschern warteten auf dem überfüllten Kai, um Stückgut auf die vielen kleinen Dampfer zu verladen, die regelmäßig die Provinzstädte in Jütland anliefen. Prahme mit frischer Kohle schoben sich an die Seiten der Dampfer. Ein Tuten und Brüllen erscholl, als würden sich der Hafen und das ganze Land zum Aufbruch rüsten.
Die Peru passierte den Larsens Plads. Hinter einer Reihe niedriger Speicher verbarg sich Schloss Amalienborg. Rauch stieg aus dem Schornstein des großen Amerikadampfers Thingvalla; am Kai wimmelte es von Menschen, die gekommen waren, um sich von den Auswanderern zu verabschieden.
»Ich würde Sie gern etwas fragen, Rasmussen. Sie sind doch Maler.«
Der Passagier nickte.
»Wie kommt es, dass ich hier nie jemanden mit einer Staffelei sehe? Hier müsste es doch genügend Motive geben.«
Carl Rasmussen, bisher in eigene Gedanken vertieft, schien plötzlich zu erwachen.
»Was für Motive?«, fragte er und wies auf den Kai. »Kohlenhaufen, Masttopps, ein qualmender Schornstein? Amalienborg kann man kaum erkennen, den schönen Schlossplatz schon gar nicht. Das ist die Aussicht, die wir unserem König bieten. Wurzellose Menschen, die ihm den Rücken zukehren und das Land verlassen, weil es ihnen nicht gut genug ist. Sollte ein Maler dem Schaden auch noch Spott hinzufügen, indem er den Schmutz als Motiv wählt? Nein, es gibt wahrlich passendere Sujets. Dänemark ist noch immer ein schönes Land. Das dürfen wir nicht vergessen, und es ist die Aufgabe eines Malers, die Erinnerung daran wach zu halten.«
»Aber Sie sind doch auf dem Weg nach Grönland.«
»Dort ist die Natur großartig. Dort kann man die Hand des Schöpfers deutlich sehen.«
»Rasmussen hat recht.«
Der kleine Steuermann war neben ihnen aufgetaucht. Er hatte die Beschimpfung der Mannschaft für einen Moment unterbrochen.
Der Maler sah ihn an.
»Ich glaube nicht, dass man uns vorgestellt hat.«
»Verzeihung. Ich habe keine Manieren.«
Der Steuermann zog mit einer übertriebenen Bewegung seine Mütze vom Kopf und streckte die Hand aus.
»Ryberg, Harry. Mein Name ist Harry Ryberg.«
Er sprach den englisch klingenden Namen mit einem dänischen>y»Ich bin ganz Ihrer Meinung. Der Herrgott wird in Kopenhagen nicht geachtet. Sehen Sie nur, wie die Gläubigen zu leben gezwungen sind.«
Er wies in die Hafeneinfahrt, wo die gewundene Turmspitze der Vor Frelser Kirke hinter den Lagerhäusern am Asiatisk Plads hervorstach.
Der Maler sah den Steuermann verwundert an.
»Meinen Sie die Kirchen? Ich bin durchaus der Ansicht, dass wir hier in der Stadt schöne Kirchen haben.«
»Nein, Ryberg denkt an das Seemannsheim Betel in Nyhavn. Das ist dem Herrn hier nicht fein genug.«
Der Kapitän schlug dem Steuermann munter auf die Schulter.
»Eine Baracke ist das! Nichts anderes als eine Baracke!«, stieß der Steuermann in erregtem Ton hervor. »Und obendrein noch in Nyhavn, das voller Versuchungen ist. Wie soll ein Seemann vor dem Verderben bewahrt werden, wenn man nichts als eine Baracke für ihn übrig hat? Dann ist das erbärmlichste, verlausteste Hurenhaus vorzuziehen.«
»Ich glaube nicht, dass unser Herr Jesus Christus diese Art von Sorgen hatte. War es nicht Jesus, der sich selbst mit den Vögeln auf dem Feld verglich und sagte, dass er nichts hätte als einen Stein, an den er seinen Kopf lehnen könne?«
Der Maler sah den Steuermann spöttisch an, der verwirrt den Blick niederschlug. Dieses Argument war ihm offensichtlich nie in den Sinn gekommen.
Der Kapitän blinzelte Rasmussen beifällig zu.
»Die Arbeit ruft«, sagte er und gab Ryberg einen respektlosen Stoß, als wäre der Steuermann bloß ein lästiger Schiffsjunge, der sich in ein Gespräch unter Erwachsenen eingemischt hatte. Carl Rasmussen blieb an der Reling stehen.
»Nein«, dachte Carl Rasmussen, »das hier ist nichts für einen Maler.«
Der riesige Hafenbereich glich einem Schlachtfeld. Rauch stieg aus den turmhohen Schornsteinen der Dampfmühlen und Elektrizitätswerke, es sah aus, als stünde das halbe Gebiet in Flammen. Überall erhoben sich Kohleberge und versperrten die Aussicht auf die Stadt; sie glichen improvisierten, hastig aufgeworfenen Wallanlagen, hinter denen frische Schützengräben vorangetrieben wurden. Kopenhagen schien unter Belagerung zu stehen. Und der Feind hatte seinen Ring aus Eisen, Stahl, Kohle,
Dampf und Feuer bereits so dicht um das Zentrum gelegt, dass der letzte entscheidende Sturm auf die dem Tode geweihte Stadt jeden Moment erwartet werden musste.
Rasmussen hatte nicht wie der Kapitän der Peru die Hafenstädte entlang der Ufer des Jangtse gesehen, aber er hatte die Themse befahren und die Londoner Docks erlebt. Ein Weltenbrand lief über die Kontinente und legte alles, was er kannte, in Schutt und Asche. Im Hafen von Kopenhagen befand er sich nicht länger in Dänemark, sondern im vulkanisch pumpenden Herzen der Zukunft, inmitten eines so gewaltigen Energieausbruchs, wie ihn sonst nur die Natur auslösen konnte. Er war Maler, aber hier wurde er blind.
Carl Rasmussen hatte die Frage des Kapitäns beantwortet, indem er das Dänemark pries, das er kannte. Aber er hatte mechanisch altbekannte Phrasen und ausgemusterte Glaubensbekenntnisse wiederholt, um seine eigene Unruhe zu verbergen.
Zum zweiten Mal in seinem Leben befand er sich auf dem Weg nach Grönland. Um ein Gegengewicht zu finden? Eine Kraft, die noch stärker war als diejenige, die hier ihre Hand im Spiel hatte? Vielleicht suchte er eine Seele, einen Blick? Oder wünschte er nur, wieder auf einem zugewachsenen Pfad wandern zu können, den er allzu früh verlassen hatte? Er wusste es nicht. Er fühlte lediglich, dass er fortmusste. Und die Worte des Kapitäns über Hafenarbeiter, die an den Ufern des Jangtse und auf den Kais von Kopenhagen identisch reagierten und sofort anfingen zu rennen, sobald eine Last auf ihre Schultern gelegt wurde, lösten ein sonderbares Echo in ihm aus.
»Vielleicht hat er recht«, dachte Carl, »vielleicht bin auch ich ein Hafenarbeiter des Herzens und renne mit meiner inneren Last.«
Im nächsten Augenblick ging ihm der entgegengesetzte Gedanke durch den Kopf: »Vielleicht laufe ich nicht, um sie zu schultern. Vielleicht laufe ich, um ihr zu entkommen?«
Sie ließen die Hafeneinfahrt hinter sich und gingen auf Reede vor Anker. Der Arzt erschien kurz nach Mittag an Bord und nahm die Mannschaft ein letztes Mal in Augenschein. Nach einer Weile brachte er jenen großen, gebückt gehenden Mann aus dem Mannschaftsraum, der mit dem tief in die schweißige Stirn gedrückten Bowlerhut angemustert hatte. Auf der Schulter trug er seinen Seesack. Niemand sagte ein Wort, als die beiden Männer zur Leiter gingen, um in den Schlepper zu steigen, der sie zurück zum Kai bringen würde. Der Mann presste die Lippen zusammen und sah blass aus. Er blickte hinunter aufs Deck. Die Untersuchung des Arztes hatte offenbar eine ansteckende Krankheit ergeben; nun musste er abmustern. Der Arzt hielt ihn am Arm, als wäre der unglückliche Seemann ein Arrestant, dessen Flucht er zu verhindern suchte. Als sie die Reling erreichten, riss der Mann sich los und drehte sich zur Besatzung um, die ihm stumm mit den Augen gefolgt war.
»Ihr Haufen Scheiße!«, brüllte er.
Sein Gesicht wurde von dem Wutanfall verzerrt.
»Glaubt ja nicht, dass ihr was Besseres seid! Ihr werdet noch allesamt Glasscherben pissen!«
Er sah den Arzt höhnisch an, der ihn wieder mit einem festen Griff am Oberarm packte. Dann kletterte er ohne Widerstand die Leiter hinunter. Als der Schlepper Kurs auf den Hafen nahm, stand er am Steven und starrte auf die Stadt, als hätte er die Heuer bereits vergessen, die er gerade verloren hatte.
Von nun an war Landgang nicht mehr gestattet. Der Klüverbaum wurde gesetzt und das Schiff seeklar gemacht. Um vier kam das Postboot.
Die ganze Nacht blies eine gleichmäßige Brise und das Schiff zerrte an den Ankerketten.
Carl Rasmussen stand an Deck und blickte lange auf die erleuchtete Stadt, bevor er sich zur Ruhe begab.
Um halb sechs Uhr morgens kam der Lotse an Bord. Die Segel wurden gesetzt, und die Peru ging im Sund auf nördlichen Kurs. Carl Rasmussen fühlte sich wieder zu Hause. Auf dem Sund hatte sich eine Segelschiffparade verabredet. Sie kreuzten gegen den Wind, zwischen den Dampfschiffen hindurch, die wie aufgereiht liefen und schwarze Rauchfahnen als kontinuierliche Streifen hinter sich herzogen, als wollten sie den Beweis liefern, dass sie nicht einen Moment von ihrem abgesteckten Kurs abwichen. Vom Deck aus sahen sie große dreimastige Barken, kleine Jachten und Galeassen, die im Vergleich mit den Dampfschiffen nichts anderes zu sein schienen als Jollen. Ein Bramsegelschoner passierte an Backbord. Carl erkannte den Südamerikasegler Hans, der Marstal als Heimathafen hatte. Bram- und Toppsegelschoner waren die bevorzugten Schiffstypen der Marstaller. Ja, er kannte wie ein Seemann jedes Segel und jedes Tauende. Als Marinemaler musste er auf all dieses Wissen verzichten, das eine Leinwand allzu sehr füllen konnte. Ein Maler sollte sich nicht in Details verlieren. Seine Aufgabe bestand darin, das Licht ein- zufangen. Über dem Meer gab es diesen besonderen Ton in der Luft. Die grenzenlose Aussicht ließ den Betrachter weit blicken, der Abstand hatte allerdings auch einen ausgleichenden Effekt. Ein Schiff, das sich dem Horizont näherte, wurde nicht nur kleiner, es veränderte sich auch. Die scharfen Linien verschwammen, der Maler musste gleichsam einen Schleier vor seine Leinwand ziehen. Bei den prallen Segeln handelte es sich um nichts anderes als Licht. Massive, schiefergraue Wellen konnten mit trügerischer Regelmäßigkeit steigen und fallen, und doch hatten sie keine feste Gestalt. Ungeachtet wie schwer sie rollten - auf der Leinwand hatten sie tänzerisch leicht zu erscheinen.
Die Stadt versank hinter ihnen, und die Küste Nordseelands tauchte auf. Sie passierten Skodshoved, wo eine Ansammlung von Fischerbooten lag. Das Wasser bewegte sich unruhig. Es blinkte und schwappte um die Boote, deren Spiegelbilder in den glänzenden kleinen Wellen gebrochen wurden. Die weiße Eremitage erhob sich auf ihrem Hügel im Dyrehaven. Auf der weiten Grasfäche vor dem Jagdschloss sah er Hirschrudel ruhig äsen, unangefochten von der Anwesenheit von Menschen. Dort war er vor langer Zeit mit dem alten niesenden Frisch spazieren gegangen und hatte die dänische Natur studiert.
Gegen elf segelten sie an Schloss Kronborg vorbei, und der Lotse ging von Bord.
Der Anblick der jahrhundertealten Kupfertürme und des wehenden Dannebrogs veranlasste Carl Rasmussen zum ersten Mal auf dieser Reise, seinen Skizzenblock und die Aquarellfarben hervorzuholen. Er fühlte sich wie ein Rekonvaleszent, der nach langer Krankheit fühlte, wie sein Lebensmut zurückkehrte.
Um acht Uhr abends bekamen sie Peilung auf den Leuchtturm von Anholt. Als Carl am nächsten Morgen erwachte, war Schnee gefallen, obwohl man den ersten Mai schrieb. Auf dem nassen, rutschigen Deck blieb der Schnee nicht liegen, aber die Luft war voller wirbelnder Flocken. Wieder verspürte er dieses unbestimmte Gefühl, sich auf seine letzte Reise begeben zu haben.
In der Kajüte nahm er einen Zeitungsausschnitt der Svendborg Amtstidende zur Hand. Holm hatte ihn Carl zum Abschied gegeben. Der Architekt war alt geworden, teilte Carls kleine Triumphe aber mit dem gleichen Enthusiasmus wie früher. Es handelte sich um eine schmeichelhafte Besprechung der Ausstellung, die Rasmussen zusammen mit Professor B0gh in der Teknisk Skole gehabt hatte, und Holm hielt den Artikel sicher für geeignet, seine Laune während der langen Abwesenheit aufzuheitern.
»Einen schöneren Schmuck der eigenen Wände wird man kaum finden als diese frischen Bilder unserer heimischen Meere, die Rasmussen mit so viel Treue und Anmut malt«, hatte der anonyme Rezensent geschrieben. Die Besprechung fuhr in dem gleichen begeisterten Ton fort: »Es gibt wahrlich nicht vie- le unserer Maler, die eine derartige Herrschaft über ihren Pinsel ausüben, wenn es darum geht, die Luft und die See zu malen wie eben Rasmussen. Er muss uns nichts anderes als lediglich ein leicht gekräuseltes Meer zeigen, eine Luft mit einigen leichten Wolken, die der Sonne jedoch gestatten, einige Strahlen auf der Wasseroberfläche zu verstreuen, ein paar kleine Inseln im Hintergrund und ein Segelschiff in der Ferne - und man hat ein Kunstwerk, bei dem man lange wird suchen müssen, um etwas Vergleichbares zu finden.«
Als er die Besprechung beiseite legte, hatte sich die Zufriedenheit, die sich zunächst in ihm regte, bereits in ihr Gegenteil verkehrt. Er vernahm einen Lockruf in dieser Rezension. Hatte er sich nicht gerade mit dieser leichten Schönmalerei auseinanderzusetzen, mit seinem eigenen schlichten Entzücken an den Luftspiegelungen der Natur, mit seiner Neigung zum Idyllischen? Er hatte genügend Zeit mit Wandschmuck und Altarbildern verschwendet. Jetzt musste er den Weg zurück zur Kunst finden, diese Spur, auf der er einmal gewesen war, damals, als er in seiner Jugend den für einen Kunstmaler unerhörten Entschluss fasste, nach Grönland zu reisen.
Dort oben an der grönländischen Küste würde er zweiundfünfzig Jahre alt werden.
War es bereits zu spät?
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