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Über die Alpen
Über die Alpen
Von Triest nach Monaco - zu Fuß durch eine verschwindende Landschaft

von Martin Prinz
461 Seiten; 37 Farbfotos auf Taf.; 215 mm x 135 mm
2010 C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-01053-2

23.60 EUR (inkl. USt.) 
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Langtext
Der packende Erfahrungsbericht einer Alpenüberquerung
Zu Fuß auf dem Roten Weg durch die Alpen das ist immer noch eines der großen Abenteuer im Herzen Europas. Martin Prinz machte sich im Juni 2008 in Triest auf, um in 161 Tagesetappen 2500 Kilometer bis nach Monaco zu wandern. Allein überquerte er mehrmals den Alpenhauptkamm, passierte 44-mal nationale Grenzen, stieg bis ins hochalpine Stockwerk - Witterung und Unwägbarkeiten ausgesetzt. Im persönlichen Erleben öffnet sich eine Welt, die vom Menschen als Kulturlandschaft einst zugänglich gemacht wurde, doch heute weit schneller verschwindet, als es unser Blick auf das größte Fremdenverkehrsgebiet der Erde wahrhaben will. So führt diese Reise in eine Wirklichkeit, deren Erzählung den Leser ebenso wie den Wanderer nicht loslässt.

Biografische Anmerkung zu den Verfassern
Martin Prinz, Jahrgang 1973, in Lilienfeld (Niederösterreich) aufgewachsen und aus einer Bergsteigerfamilie stammend, lebt als Schriftsteller in Wien. Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik. Neben seinen Romanen (u.a. »Der Räuber« und »Ein Paar«)

Zitat aus einer Besprechung
"Intim, informativ, wahrhaftig."

Textauszug
Ich fuhr auf, traute mich kaum zu atmen und horchte. Ein Hund bellte, der Bach rauschte, die Windböen in den Baumkronen waren kräftiger geworden. Keine Ahnung, was mich so erschreckt hatte. Ich hörte den Bach, hörte die Nacht. Und merkte am Prickeln in den Beinen, dass meine Reise begonnen hatte.
Ein solches Auffahren — oft sollte ich das in Zeltnächten erleben, ganz gleich, ob ich bei Wind oder Regen, unter dem Schreien von Rehen oder dem Schnüffeln anderer Tiere in meinem kleinen, roten Unterschlupf lag. Aufgeschreckt von einem Geräusch, das im Wachwerden zwar anhielt, doch weder zu orten war noch einen Namen hatte.
Immer wieder hatte ich während des ersten Abends auf die Alpenübersichtskarte mit der Route der Via Alpina geschaut: Nicht einmal einen Fingerbreit war ich an diesem ersten Tag gegangen. Die Handbreiten aber, die mir auf dem Weg von Triest nach Monaco fehlten, waren damit erst recht unbegreifbar geworden. So, als stellte ich mir die Fußreise immer noch bloß vor. Mich, am Hafen von Muggia, den Rucksack geschultert, die Stöcke in der Hand, voller Unglauben und Vorfreude:
Ein Ruck, ein erstes Klacken der Stöcke auf dem Asphalt und ein erster Schritt, ein zweiter, ein dritter und ein vierter ... bis ich in meinem Zelt unter den Bäumen der Rifugio Premuda hochgeschreckt war. Plötzlich schienen andere Schritte auf mich zuzukommen. Schritte, so geschmeidig und fest wie die eines Bären. Eines Bären, der in dem Augenblick, da er sich auf mich stürzte, leicht geworden war, unbegreiflich leicht wie ein in Pelz gefasstes Federbett.
Ein Traum, doch selbst am Morgen hatte ich noch den Eindruck, es wäre etwas wirklich daran gewesen. Ich lag da, schaute auf das vor meinen Augen tropfengesprenkelte Zeltdach und in einen von der Plane rötlich gefärbten Tagesbeginn. Den Regen der Nacht hatte ich nicht bemerkt. Doch das Zelt war nass. So nass, dass es nicht allein Kondenswasser sein konnte.
Draußen rauschte der Bach, es war windstill. Nicht einmal ein Hund bellte, und in mir war ein Geräusch, so greifbar wie entfernt.


Den Tag des Weggehens — oft hatte ich ihn mir vorgestellt. Nicht erst seit Wochen, sondern seit Jahren; seit ich im Sommer 2005 im Internet zum ersten Mal auf den Roten Weg der Via Alpina gestoßen war, und auf die Kurzbeschreibungen, Längenangaben und Höhendiagramme ihrer vom Hafen Muggias über den gesamten Alpenbogen nach Monaco führenden Etappen.
Es war nach einem heißen Sommertag, die Fenster standen weit offen, draußen war es bereits finster. Vom nahen Platz waren spielende Kinder zu hören. Ich trank eine Flasche Weißwein, dessen Würze mir bis heute in Erinnerung ist, da sie mich an die Beschreibung eines Weines in einem Maigret-Roman Simenons denken
ließ.
Die Via Alpina, einmal entdeckt, ließ mich auch in den beiden Jahren, die ich für meinen Roman Ein Paar noch benötigen sollte, nicht mehr los. Und das, obwohl mir die Alpen bislang als Letztes eingefallen wären, wenn es darum ging, mein Schreiben tatsächlich je mit der mir als früherem Leistungssportler gebliebenen Fähigkeit zu verbinden, weite Strecken zu Fuß zu bewältigen.
Denn dachte ich an die Alpen, dachte ich nicht an mich. Viel eher fiel mir mein Großvater ein, der noch mit dicken Seilen und schweren Lederschuhen auf den höchsten Gipfeln gestanden hatte — vor allem aber tauchte das Bild meines Onkels vor mir auf.
Mein Onkel — von Kindheit an meine Maßeinheit für jeden Berg, jeden Grat, jede Wand, jeden Eisfall. Er verkörperte die ständige Frage, ob er hier oder dort bereits oben gewesen sei, ob er diese Wand oder jene erklettern könne. Ganz gleich, ob es die großen Gipfel wie Matterhorn, Mont Blanc und Mount Everest waren, oder mit Turmmauer und Teufelskanzel nur die Felspfeiler der näheren Umgebung meines Kindheitstals. Letztere, beinahe ihrem höllischen Namen entsprechend, bereits auch als Einheit in Sachen Absturz. Denn einen solchen hatte er von der Teufelskanzel nur aufgrund der Landung in einem Baum überlebt.
Berge, Gipfel, Expeditionen: Das war er für mich gewesen, und darin war er mir zeitlebens unerreichbar geblieben. Dass diese Unerreichbarkeit in ihm selbst lag, hatte ich damals noch nicht begriffen. Unheimlich aber war sie mir bereits als Kind gewesen und vermutlich der Grund, warum ich ihm in keinem einzigen Augenblick nachgeeifert hatte.
Die Via Alpina fesselte mich jedoch nicht aufgrund der Berge entlang der Route. Sie führte in einen Lebens- und Kulturraum, den es, wie ich ihn als ein am östlichen Kalkalpenrand aufgewachsenes Kind noch erlebt hatte, womöglich in wenigen Jahrzehnten nicht mehr geben wird, sollte sich der Zusammenbruch der bäuerlichen Landwirtschaft nicht aufhalten lassen.
Insofern schien mir das Vorhaben, auf einer solchen Route vom dortigen Leben zu erzählen, bevor es verschwand, nicht nur weit genug von den unnahbaren Gipfeln meines Onkels entfernt, sondern auch von jenen Alltagsfluchten, wie sie auf religiös grundierten, heute aber vor allem esoterisch überhöhten Wegen gerade in den letzten Jahren in Mode gekommen waren.
Denn die insgesamt fünf Routen der Via Alpina — von der kürzesten, dem über dreizehn Etappen von Vaduz ins Berner Oberland zur Jungfrau reichenden Grüne Weg, bis zur längsten, dem von Triest über knapp 2500 Kilometer und i30 000 Höhenmeter nach Monaco führenden Roten Weg — führen alle aus der Gegenwart nicht hinaus, sondern mitten in sie, in die Schmerzpunkte heutigen Lebens, hinein. Ganz gleich, ob es sich dabei um das Verhältnis Mensch-Umwelt oder Arbeit-Freizeit, um die Beziehungen zwischen Stadt und Land oder die der Agrargebiete des Flachlands zu jenen der Berge handelt.
So hatte ich das im ersten Expose zu meinem Reise- und Schreibprojekt formuliert. Ohne zu wissen, dass ich dabei den unnahbaren Bergen meines Onkels genauso wenig entkommen sollte wie den eigenen Schmerzpunkten und Alltagsfluchten.


Ich musste mich waschen. Und das schnell. Der Schlafsack war verschwitzt, und das schon seit dem ersten Aufschrecken. Dennoch hatte nicht allein der Bär damit zu tun. Vielmehr war es hier, achtundsechzig Meter über dem Meer und noch in Sichtweite zur Triestiner Bucht, viel zu warm für einen bis minus sieben Grad Komforttemperatur bietenden Daunenschlafsack.
Am Taleingang läuteten die Glocken zur Frühmesse, die Rifugio hatte noch zu, ich musste zum Waschen an den Bach.


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Fachbuch




















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