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Stille Wut
 | Stille Wut Roman
von Sergio Bizzio Übersetzt von Sabine Giersberg 238 Seiten; 200 mm x 125 mm 2010 Dva ISBN 978-3-421-04416-7
| 20.60 EUR (inkl. USt.) | | | Versand- oder abholbereit innerhalb 48 Stunden |
|  | Langtext Literarische Hochspannung aus Argentinien Der Bauarbeiter José María lernt eines Tages an der Supermarktkasse das Hausmädchen Rosa kennen und verliebt sich in sie. Als er verdächtigt wird, seinen Vorarbeiter auf der Baustelle erschlagen zu haben, flüchtet er sich unbemerkt in die Villa der Dienstherrn seiner Geliebten. Er richtet sich in einem unbewohnten Flügel des Hauses ein, bleibt Wochen, Monate, dann Jahre und beobachtet Tag für Tag voller Obsession das Leben der Bewohner. Und er muss mit ansehen, wie Rosa Schlimmes angetan wird "Stille Wut" ist ein Roman, der uns das Fürchten lehrt, verfasst in einer knappen Sprache, die eine atemberaubende Dynamik entwickelt "das Beste, was die aktuelle Literatur Argentiniens zu bieten hat" (Clarin).
Biografische Anmerkung zu den Verfassern Sergio Bizzio, 1956 im argentinischen Villa Ramallo geboren, begann seine Karriere als Drehbuchautor und Filmregisseur und arbeitet seit Ende der achtziger Jahre auch als Schriftsteller. Sein mehrfach ausgezeichneter Roman Stille Wut erschien 2004 und machte den Autor international bekannt. Der Roman wurde vom ecuadorianischen Regisseur Sebastián Cordero verfilmt (Produzent ist Oscargewinner Guillermo del Toro) und beim Internationalen Filmfestival in Tokyo mit dem Jurypreis ausgezeichnet. Sergio Bizzio lebt in Buenos Aires.
Zitat aus einer Besprechung »Es bleibt das Gefühl, etwas Wunderschönes gelesen zu haben.«
Textauszug »Als du geboren wurdest, bin ich gerade gekommen.«
»Ich glaub dir kein Wort«, sagte Rosa lachend, »daran kannst du dich unmöglich so genau erinnern.«
Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug fünfzehn Jahre. Rosa war fünfundzwanzig und José María vierzig. Er war so verliebt, dass er sich zu allem imstande glaubte, sogar, sich daran zu erinnern, was er an dem Tag gemacht hatte, als sie das Licht der Welt erblickte: War er wirklich gekommen? Damals war er mit einer dürren Bohnenstange liiert gewesen, die sich immer aufrichtete, wenn er ihre Taille umfasste, und dann noch größer und knochiger wirkte, als sie ohnehin schon war. Sie war einen Kopf größer als er, lispelte, trug Stretchkleidung und malträtierte ihr Haar mit einem Glätteisen, aber sie hatten Sex. Ein Jahr war José María mit dem Mädchen gegangen, und die Chancen standen achtundzwanzig zu eins, dass er tatsächlich am Tag von Rosas Geburt (im Februar) mit ihr geschlafen hatte. Außerdem wäre es einem Gottesbeweis gleichgekommen, sich so zeitgenau zu erinnern und dabei auch noch richtigzuliegen. Wie auch immer, es war sowieso nur ein Scherz, ein Spiel. Und Rosa gefiel es, zumindest die gute Absicht. Sie umarmte ihn.
Sie bedeckte sein Gesicht mit Küssen, und er ließ sie gewähren. Als Rosas Ohr auf Höhe seines Mundes war, nutzte er die Gelegenheit und flüsterte:
»Wie wär's mal von hinten?«
Rosa erstarrte.
»Ähm ...«, sagte sie.
»Was ist? Keine Lust?«
»Nein, es ist nur ...«
Rosa sprach ihre Sätze oft nicht zu Ende. Auch wenn sie jetzt erregt war, so war es doch normal, dass sie mitten in der Rede abbrach: Sie dachte einfach so schnell, und dann prallten ihre Gedanken aufeinander und unterbrachen sich gegenseitig.
»Es wird dir gefallen.«
»Ich weiß nicht ...«
»Garantiert.«
José María sah sie einen Moment lang schweigend an, und weil Rosa nichts sagte, glitt er von ihr hinunter, legte sich neben sie und fasste an ihre Taille, um sie umzudrehen. Doch Rosa zuckte zusammen und rückte schnell von ihm ab, als hätte die Berührung seiner Hand einen Stromschlag ausgelöst.
»Was ist?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Komm schon, Rosa, ich kenn mich aus.«
Rosa stützte die Ellbogen auf, sah ihn an und fragte:
»Liebst du mich?«
»Das weißt du doch.«
»Warum willst du dann ...?«
»Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun, mein Schatz? Wir sind jetzt schon fast zwei Monate zusammen. Liebst du mich denn?«
»Und wie.«
»Ich dich auch. «
»Ich habe gewusst, dass du irgendwann ...«
»Ja, weil du es auch willst. Deshalb wusstest du es.«
»Aber, ich hab noch nie ...«
»Ich auch nicht.« »Echt?«
»Warum sollte ich dich anlügen?«
»Du hast es noch nie ... Mit keinem?«
José María küsste zum Schwur seine gekreuzten Finger. Sie lagen im Zimmer des kleinen Hotels im Bajo, in dem sie jeden Samstag abstiegen, und trugen nichts als ihre Armbanduhren. Letzte Woche hatte José María zwei falsche Rolex gekauft und Rosa eine davon geschenkt.
José María konnte auf Rosas Uhr sehen, wie spät es war: Sie hatten noch zwanzig Minuten. Um zwölf mussten sie das Zimmer räumen.
»Wirklich nicht?«
»Was willst du? Soll ich schwören? Meinetwegen, ich schwöre es von hier bis China. Ich schwöre bei Gott.«
»Ist ja gut, ich glaub dir. Das heißt aber nicht, dass ich nachgebe!«
»Schatz, jetzt sei doch mal still. Wir haben noch zwanzig Minuten.«
»Zwanzig Minuten, das reicht doch sowieso nicht für so was!«
»Rosa, ich liebe dich.«
»Ja, schon klar.«
»Was ist schon Zeit, wenn es um Liebe geht?«
»Es ist nur ... Für mich ist das sehr ...«
»Lass es uns doch einfach mal ausprobieren!«
»Und wenn es wehtut?«
»Ach was! Wenn es dir wehtut, höre ich auf.«
»Wirst du mich danach noch genauso lieb haben?«
José María lächelte.
»Küss mich«, sagte er.
Im Grunde hätte Rosa José María alles gegeben. Hätte sie zwei Hinterteile gehabt, er hätte beide haben können. Sie liebte ihn. Sie hatte keine Angst davor, dass es wehtun könnte oder dass er den Respekt vor ihr verlor - wenn sie ehrlich war, konnte sie es eigentlich kaum erwarten, dass José María sie von hinten nahm.
Sie hatten sich im Supermarkt an der Kasse kennengelernt. Rosa war Hausmädchen in der Villa der Blinders, und José María arbeitete auf einer Baustelle, einem Gebäudegerippe, zwei Querstraßen von der Villa entfernt. Von dort war er gekommen, um Fleisch und Brot für das Mittagessen zu kaufen, und dummerweise hatte er sich genau hinter Rosa an der Kasse angestellt, die einen Großeinkauf getätigt hatte: Ihr Wagen quoll über. Nach José Marías Schätzungen würde sie mindestens eine halbe Stunde an der Kasse brauchen. Er sah zu den Nachbarkassen, aber dort waren die Schlangen viel zu lang, und er stieß ein verdrossenes Zischen aus. Rosa hörte es; sie warf einen Blick in den roten Korb, den José María in der Hand hielt (eine Tüte mit Brot und eine mit Grillfleisch) und sagte:
»Möchten Sie vorgehen?«
Das Angebot brachte José María völlig aus dem Konzept. Er hob die Augenbrauen und machte eine knappe Bewegung mit dem Kopf, die sowohl ja als auch nein bedeuten konnte.
»Nein, schon in Ordnung.«
Er war Freundlichkeit nicht gewöhnt. Während Rosa anfing, die Sachen auf das Band zu legen, wurde ihm klar, dass das Angebot eine Reaktion auf sein ungeduldiges Zischen gewesen war.
»Ich wollte nicht ...«, sagte er.
Rosa drehte sich um und sah ihn an. Ernst, ohne ein Wort zu sagen.
»Also, ich wollte nicht ...«, wiederholte José María.
Manchmal fiel es ihm schwer, sich verständlich auszudrücken.
Rosa beugte sich wieder über den Wagen und lud weiter Sachen aus.
»Trotzdem danke«, sagte er noch.
»Keine Ursache.«
Die Kassiererin lächelte, sah auf die Milchtüte in ihrer Hand und dachte, während sie den Strichcode eintippte, zwischen den beiden bahnt sich was an. Und sie lag richtig.
Als Rosa fertig war und den Supermarkt verließ (es wurde alles angeliefert), ging sie nicht gleich nach Hause. Sie überquerte die Straße und tat so, als betrachtete sie eine Schaufensterauslage, um im Blickfeld von José María zu bleiben. José María verließ den Laden eine Minute später, die Einkaufstüte baumelte am Finger. Er überquerte die Straße und kam direkt auf sie zu.
»Störe ich?«, fragte er.
Rosa hatte ihn im Spiegel des Fensterglases kommen sehen, tat aber, als wäre sie überrascht. Sie stieß sogar ein »Oh!« aus und legte die Hand aufs Herz. »Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt!«
»'tschuldigung.«
»Halb so wild ...«
»Wohnst du hier?«
»Da drüben«, sagte Rosa und zeigte auf die Villa an der Ecke.
»Nette Hütte«, bemerkte José María. »Ich arbeite in der Nähe ...«
»Ach ja?«
»Ja. Ich kaufe immer hier ein.«
»Und was machst du?«
»Bau.«
»Aha, schön.«
»Ja, jetzt brummt es.«
»Was?«
»Das Baugewerbe. Letztes Jahr war tote Hose. Jetzt geht wieder was. Und du?«
»Ich? Hausmädchen. Da hat man seine Ruhe.«
José María lächelte, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen, und streckte ihr die Hand hin.
»José María«, sagte er.
»Rosa«, erwiderte sie und gab ihm die Hand.
»Angenehm.«
»Ganz meinerseits.«
»Rosa also.«
»Ja.«
»Kaufst du auch immer hier ein?« »Gibt ja nichts anderes.«
»Aber Auswahl haben sie. Sogar CDs. Neulich war die von Shakira im Angebot. Magst du Shakira?«
»Ja, schon. Ihre Stimme ...«
»Und was hörst du sonst so?«
»Na ja ... Cristian Castro ... Iglesias ...«
»Vater oder Sohn?«
»Sohn, immer schon. Die Señora hört den Vater, wenn sie allein ist. Nicht wenn Leute da sind, dann legt sie immer so klassische Musik auf, die ...« Sie lachte. »Alle sagen immer:>Mach das doch aus, Rita»Sie legt Musik auf, die ihr nicht gefällt? Leute gibt es... Enrique Iglesias also. Er heißt doch Enrique, oder?«
»Enrique, ja. Aber Cristian Castro liegt mir mehr ...«
»Und Cumbia?«
»Früher. Jetzt hab ich es satt.«
»Ich auch. Dabei bin ich mit Cumbia-Musik aufgewachsen. Meine Mutter hat gesagt, als ich noch in ihrem Bauch war, hat sie immer das Radio draufgelegt, direkt auf den Nabel, stell dir mal vor. Aber stimmt schon, auf die Dauer wird man es leid.«
»Ich weiß nicht. Ich kenne Leute, die stehen drauf und werden immer drauf stehen. Aber mir hat Cumbia eigentlich nie wirklich gefallen.«
»Eben hast du doch gesagt, dass du sie früher gemocht hast!«
»Nein, ehrlich gesagt ... Ich wollte dir nur nicht auf den Schlips treten, ich dachte, du ...« »Ja, erwischt, ich bin ein echter Cumbia-Fan.«
»Nicht zu fassen, oder? Wir kennen uns kaum, und schon machen wir uns gegenseitig was vor.«
»Na ja«, sagte José María. »Man redet halt über was, tastet sich vor, und aus Höflichkeit ...«
»Rücksicht. Das ist gut so.«
»Bestens.«
»So muss es sein. Rücksicht ist für mich ... Also, wenn einem jemand die Wahrheit knallhart ins Gesicht sagt ...«
»Dabei hast du so ein ehrliches Gesicht.«
»Danke.«
»Nein, nein, im Ernst! Ich habe dich angesehen und sofort gewusst, dass du ehrlich bist. Wie heißt du noch mal?«
»Rosa.«
»Ein schöner Name, Rosa.«
»Danke. Na dann ...«
»Musst du schon weg?«
Das Gespräch ging noch ein paar Minuten auf diese Art weiter. Keiner von beiden wollte gehen: Bei ihnen hatte der Blitz eingeschlagen. Nicht einen Millimeter hatten sie sich während des Gesprächs von der Stelle bewegt; mit den Hüften ausgleichend, hatten sie ihre Oberkörper einander angenähert und waren zurückgewichen, immer vom selben Punkt aus, als wären sie am Boden festgenagelt.
Der Portier vom Gebäude nebenan beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Das Mädchen hatte er schon häufiger gesehen, immer allein, doch ihn sah er zum ersten Mal, und es gefiel ihm überhaupt nicht, wie
der Kerl mit ihr sprach. Er stand im Eingang und spitzte die Ohren, um das Gespräch zu belauschen; er schnappte Bruchstücke auf, Gesprächsfetzen, wie »Und wen hast du gewählt?« - »Aber das ist doch geheim«, und er spürte, wie eine Welle der Wut in seiner Kehle hochstieg: Es war offensichtlich, dass der Unbekannte das Hausmädchen der Blinders anmachte.
Auch wenn es eigentlich keine festen Verhaltensregeln im Viertel gab, so folgte man doch einer Art instinktivem Kodex, der über Äußerlichkeiten wie Qualität der Kleidung, Haut- und Haarfarbe, Sprechweise, Körperhaltung hinausging. Sobald ein Fremder im Viertel auftauchte, nahm man ihn fest ins Visier und vermittelte ihm so das Gefühl, dass er überwacht wurde. Es war eine wirkungsvolle, bewährte, von allen Bewohnern und einer großen Zahl von Haustieren praktizierte Form des Affronts. Und so beobachtete der Portier die beiden schon bald nicht mehr verstohlen, sondern ganz offen, ja er ging sogar einen Schritt auf sie zu, damit er besser hören konnte, worüber sie redeten.
Viel erfuhr er nicht, denn José María und Rosa waren dabei, sich zu verabschieden. Das Einzige, was er klar und deutlich hörte, war ihr gegenseitiges Versprechen, sich bald wiederzusehen. Rosa eilte im Laufschritt zur Villa, während José María ihr noch einen Moment lang nachsah, sich dann umdrehte und auf den Weg zur Baustelle machte.
Pfeifend und die Tüte mit dem Grillfleisch und dem Brot schwenkend ging er an dem Portier vorbei. Dieser, jetzt, da der andere zu entschwinden drohte, erst recht angriffslustig, machte einen Schritt nach vorn, als gäbe es am Bordsteinrand etwas zu sehen, und versperrte José María den Weg. Das geschah ebenso schnell wie wohlüberlegt: Er wollte José María zwingen, hinter ihm vorbeizugehen, dann konnte er auf dem Absatz kehrtmachen und ihm nachschauen - eine offene Provokation. Doch der Portier, ein träger Dürrer mit schmalen Schultern und vor allem ein schlechter Menschenkenner, hatte nicht damit gerechnet, dass der Unbekannte sich tatsächlich beleidigt fühlen würde.
»Was gibt's da zu glotzen, du Idiot?«, sagte José María im Vorbeigehen und war schon an der Straßenecke, als der Portier seine Sprachlosigkeit überwunden hatte. Mein Gott, ist der flink, dachte er. Ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass der mit einem Satz auf der anderen Straßenseite ist.
Ein paar Stunden später sah er ihn wieder. Genau gesagt, um halb sieben. Frisch geduscht und umgezogen stand er wieder im Eingang des Gebäudes und gab sich wie jeden Tag enorme Mühe, gelangweilt zu wirken. José María hatte Feierabend; auch er hatte sich frisch geduscht und umgezogen und war jetzt auf dem Weg zur Villa der Blinders.
Es war das erste Mal, dass er nach der Arbeit dort vorbeiging, gewöhnlich nahm er die Straße von der Baustelle Richtung Bajo und stieg dort in den Bus nach Capilla del Señor, wo er wohnte. Schon bei dem Gedanken an die zweistündige Fahrt wurde er müde. Kopfschüttelnd ging er an dem Portier vorbei.
»Ach, du schon wieder«, sagte der Portier.
José María blieb stehen. Er sah ihn an. Nicht von oben nach unten, sondern direkt in die Augen und fragte:
»Was ist?«
»Hab ich dir was getan?«
»Wieso?«
»Du hast heute morgen>Idiot»Tut mir leid. Ich hab mich hier mit einer jungen Dame unterhalten, und du hast uns belauscht und ... ach, was weiß ich. Kennen wir uns?«
»Glaub ich nicht.«
»Na eben. Leute begaffen kommt nicht gut. Und dann hast du dich mir noch ganz aus Versehen in den Weg gestellt. Deshalb habe ich Idiot zu dir gesagt.«
»Das hat mir nicht gefallen.«
»Und, was soll ich jetzt machen?«
»Du könntest dich wenigstens entschuldigen.«
José María war müde, er hatte keine Lust auf Streit, also lachte er und ging weiter. Der Portier postierte sich mitten auf dem Bürgersteig und wollte ihn zurückrufen, doch kein Ton kam aus seinem Mund. Frustriert und wütend ging er in seine Wohnung. Er knallte die Tür so heftig zu, dass seiner Frau der Salzstreuer in den Topf fiel.
»Zum Henker mit dem Scheißpack!«, sagte er und wählte eine Telefonnummer.
»Hallo ... Israel?«, hörte der Angerufene jemanden am anderen Ende sagen. »Ich bin's, Gustavo, störe ich?«
Israel verdrehte die Augen. »Du hast ein Talent, genau zur richtigen Zeit anzurufen, Gustavo«, sagte er. »Ich bin gerade beim Essen.«
»Dann rufe ich später noch mal an ...«
»Nein, was ist?«
Unterdessen war José María an der Ecke Avenida Alvear und Rodríguez Peña stehen geblieben, um sich die Villa anzusehen. Die Fenster waren dunkel, bis auf das in der Küche im Erdgeschoss und ein weiteres im ersten Stock. Ein beeindruckendes Haus: grau, von Moos überzogen, hier und da bröckelte der Putz - es wirkte wie in einen Rauchschleier gehüllt. Man musste nicht sonderlich gebildet sein, um die grandiose Patina zu bemerken, mit der es überzogen war; allein die sich bis in den Vorgarten erstreckende weiße Marmortreppe sah aus, als wäre sie mit einer Spritztüte hingegossen worden. Wirklich schön, dachte er. Er kratzte sich unter dem Arm und murmelte mit fast geschlossenen Lippen: »Rosa, Rosita ... « So etwas hatte er noch nie gemacht. Er war wohl dabei, sich zu verlieben. Aber sein Herz schlug wie immer, nicht schneller und auch nicht heftiger. Wind kam auf, wirbelte ein Zeitungsblatt in die Luft, ließ es ein paar Meter weiter wieder fallen, fuhr in die Krone eines Baumes, brachte ein Plakat zum Erzittern, entschwand in die Ferne. Die Leute beschleunigten ihre Schritte. José María sah zum Himmel auf, wo zwischen tiefschwarzen Wolken ein Gewitter saß. Jeden Moment konnte der Sturm losbrechen.
2 Am nächsten Tag war der Himmel blank wie ein Spiegel, nicht ein Tropfen Regen war gefallen. Die anderen machten sich über José María lustig, als er mit einem Schirm auf der Baustelle auftauchte. »Ich bin eben nicht wie du erst vor zehn Minuten aufgestanden«, sagte er zu dem Vorarbeiter, einem kräftigen Kerl mit Dalí-Schnauzer, der sich bei den Sticheleien als Wortführer hervorgetan hatte. Um diese Zeit (es war sieben Uhr morgens) war niemand gut aufgelegt, und so ergingen sie sich in Nichtigkeiten, billigen Witzen und Zoten. Dem Vorarbeiter schmeckte José Marías Bemerkung überhaupt nicht. Er packte ihn am Arm und zog ihn von den anderen weg, bis sie außer Hörweite waren.
»Hör mal zu, du Kasper, das war 'n Witz, jetzt hab dich nicht so, ich bin nicht so harmlos, wie ich aussehe«, sagte er.
»Ach was, hätt ich nicht gedacht.«
»Was hättest du nicht gedacht?«
»Nichts, schon gut. Wenn du nicht so harmlos bist, wie du aussiehst, belassen wir es wohl besser dabei.«
»Willst du mich provozieren? Kapierst du nicht, dass ich dich auf der Stelle rauswerfen kann, wenn ich will?«
José María nickte stillschweigend, ohne auch nur eine Sekunde seinen Blick von dem anderen zu lösen.
Der Vorarbeiter hielt stand und ließ seinen Arm nicht los; mehr noch: Er verstärkte seinen Druck auf José Marías Arm in der Erwartung, dass dieser zum Schlag ausholte. Vor ein paar Wochen hatte er beobachtet, wie José María sich mit den Händen an einem Balken hochgezogen und aus Spaß einen Kollegen mit den Beinen gewürgt hatte; damals hatte ihn seine Gelenkigkeit sehr beeindruckt. Doch José María spuckte nur zur Seite und sagte: »Komm, lass uns arbeiten, sonst ist der Tag rum.«
Erst da ließ der Vorarbeiter seinen Arm los.
José María zog sich um. Die Atmosphäre blieb angespannt; selbst die Kollegen, die später kamen, spürten schon beim Betreten der Baustelle, dass etwas nicht stimmte. Keiner sagte ein Wort; alle bewegten sich vorsichtig, den Blick zu Boden gerichtet, und sie blinzelten weniger als sonst.
»Was so ein Schirm alles anrichten kann«, bemerkte einer leise.
»Ach was, nicht der Schirm, es war der Witz«, erwiderte ein anderer. »Man sollte wissen, mit wem man sich anlegt. Dieser María ist gefährlich, ob mit oder ohne Schirm.«
Alle nannten ihn María. Das hatte sich so ergeben, und ihm machte es nichts aus. Auch Rosa hatte irgendwann damit angefangen, ihn so zu nennen. Da war etwas an seinem Äußeren - der schlanke, drahtige Körper, die langen Wimpern -, das einen gar nicht erst auf die Idee kommen ließ, ihn einfach José zu nennen. Und ebenso wie man ihm auf einen Blick ansah, dass er beweglich wie ein Hochleistungssportler war, so nahmen sich die Leute instinktiv vor ihm in Acht und sprachen den Namen María leise aus, als fürchteten sie, er könnte sich beleidigt fühlen.
Dem Vorarbeiter, einem Choleriker, war bei Marías kaltem Blick das Blut in den Adern gefroren, aber jetzt, da alles vorüber war, brodelte es wieder in ihm. Und so entging ihm, wie gefährlich María tatsächlich war. Genau wie dem Portier. Wären die beiden ein wenig aufmerksamer oder sensibler gewesen, hätten sie sich nicht mit ihm angelegt. Sie hatten Streit gesucht.
Rosa dagegen war geblendet; sie war ein unterwürfiges, willenloses Mädchen voller Träume, die sie nie verwirklichte. Marías Gefährlichkeit, die sie für sich als »Willensstärke« auslegte (»Er provoziert einfach gern ...«), war die ideale Ergänzung, das fehlende Teilchen in ihrem System. Sie war sehr gern mit ihm zusammen. Sie fühlte sich beschützt. Er gab ihr das Gefühl, gemeinsam könnten sie Berge versetzen. Sie konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.
María kam jeden Tag nach der Arbeit vorbei, immer um halb sieben. Sie trafen sich am Dienstboteneingang der Villa und schmiedeten zwischen Küssen banale, für sie jedoch bedeutende Pläne, wie ein kurzes Treffen im Supermarkt am nächsten Tag oder eine Liebesnacht in dem kleinen Hotel im Bajo am Samstag.
Rosa und María liebten sich jeden Samstag, manchmal auch am Sonntag. Wäre es nach ihnen gegangen, hätten sie es jeden Tag getan, und Rosa hatte auch jederzeit Ausgang, aber ihre Finanzen gaben das nicht her. Sie verdienten beide siebenhundert Pesos im Monat. Die zwei Stunden im Hotel kosteten sie fünfundzwanzig Pesos, sie gaben also allein hundert Pesos monatlich dafür aus, dass sie sich einmal in der Woche, samstags, liebten, und zweihundert, wenn sie es auch sonntags taten. Sie teilten sich die Kosten (mal zahlte er, mal sie), aber María hatte weit höhere Ausgaben als Rosa, denn er musste täglich von seiner Wohnung in Capilla del Señor zur Arbeit und zurück fahren, und das kostete ihn zusätzliche zweihundertsechzig Pesos im Monat. Dreihundertzehn Pesos gingen also für Sex und Fahrtkosten drauf. Wäre das alles gewesen, hätte er von den restlichen dreihundertneunzig Pesos bequem leben können, aber er war schließlich auch nur ein Mensch und musste essen und rauchen und (wenn er gelegentlich mal Kavalier sein wollte) das Bier oder den Kaffee zahlen, wenn sie ausgingen, und so blieb ihm keine andere Wahl, als die Liebe auf den Samstag zu beschränken. Rosa bedauerte das, aber sie musste auch weniger haushalten als María. Sie konnte sogar etwas sparen. Kost und Logis waren frei, sie hatte keine Fahrtkosten und auch sonst kaum Ausgaben: Kleidung kaufte sie selten (das traf allerdings auch auf María zu), Zeitschriften schon gar nicht. Herr Blinder, der Hausherr, war Abonnent des Reader's Digest; die Ausgaben kamen regelmäßig per Post, und sie packte sie aus und las sie als Erste.
María verstand nicht, warum Rosa genauso viel verdiente wie er, denn er fand, dass sein Job weit anstrengender war. Das stimmte, was den körperlichen Kraftaufwand betraf, nicht jedoch, was die Arbeitszeit anging, denn Rosa arbeitete doppelt so lange wie er. Zeit aber zählte für María, in dessen Denken sich alles um Muskeln drehte, nicht.
Je intensiver die Beziehung zu Rosa wurde, desto mehr Feinde machte er sich im Viertel, allen voran den Portier, dem sich Israel, der Sohn des Genossenschaftsvorsitzenden, angeschlossen hatte. Israel war ein siebenundzwanzigjähriger Klotz, in dessen zwischen den Schultern eingesunkenem Kopf sich Augen und Mund wie Schlitze ausnahmen. Er schwitzte stark und hüllte sich in eine Wolke sündhaft teuren Parfüms, was in der Kombination mit dem Körpergeruch eine einzigartige, unerträgliche Ausdünstung erzeugte, bei der einem die Luft wegblieb. Obwohl er es selbst noch nie gespielt hatte - geschweige denn, dass er die Regeln kannte -, hatte er ein Faible für Rugby und kleidete sich stets in Trikots von Mannschaften aus aller Herren Länder. Dazu trug er Jeans und Wildledermokassins, und er war, um es gleich zu sagen, ein Nazi. Der Portier hatte ihn nach seiner Auseinandersetzung mit María angerufen, weil er wusste, dass Israel Ausländer hasste, erst recht, wenn sie arm waren, und noch mehr, wenn sie sich im Viertel aufspielten. Gespräche beendete er gerne mit dem Satz: »Warte nur, wenn ich einen von denen in die Finger kriege .« Schön, jetzt hatte er Gelegenheit, in Aktion zu treten. Israel stand mit dem Portier im Eingang und wartete auf María. Er ließ die Gelenke der Finger, der Handgelenke, der Knöchel und des Halses knacken, während der Portier eine Zigarette nach der anderen rauchte.
María kam um Punkt halb sieben, wie am Abend zuvor. Der Portier sah ihn, stieß Israel mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kinn auf ihn.
»Der da.«
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